21. November 2024

Juquery: Ein Ort, an dem Kunst und Psychiatrie Geschichte schreiben

Ein persönlicher Bericht von Juliane Pfeiffer über die Verbindung von Kunst, Therapie und ihrer Familiengeschichte – inspiriert durch eine Reise nach São Paulo.

Juliane and Rose Juquery

Was als ein Praktikum im Rahmen meiner kunsttherapeutischen Ausbildung begann, entwickelte sich zu einer unvergesslichen Reise voller persönlicher und beruflicher Entdeckungen. Nach dem Vorstellungsgespräch mit Nicole Ottiger erfuhr ich, dass das Living Museum Wil ein Projekt in São Paulo, meiner Geburtsstadt, plante. Zwei Wochen nach Beginn meines Praktikums begleitete ich Rose Ehemann, die Gründerin des Living Museums in Europa, und Isabelle Wachsmuth von der WHO zu einem Seminar und Kunstfestival im ehemaligen psychiatrischen Krankenhaus Juquery nahe São Paulo.

Juquery hat eine bedeutende Geschichte als eines der grössten psychiatrischen Krankenhäuser Brasiliens. Es wurde 1898 gegründet und war lange für restriktive Behandlungsmethoden bekannt. Doch im Laufe der Zeit wandelte sich die Psychiatrie, und mit ihr auch die Methoden in Juquery – insbesondere dank der Einführung des Kunstateliers durch den Psychiater Osório César in den 1920er-Jahren. Beeinflusst von Freud und Jung sah César Kunst als ein Medium, um Zugang zu den inneren Welten der Patienten zu schaffen. Auch Nise da Silveira trug wesentlich zur Etablierung der Kunsttherapie bei. Sie förderte kreative, nicht-invasive Ansätze und gründete das ‚Museum der Bilder des Unbewussten‘. Ihre Ansichten, inspiriert von Jung, verbanden Kunst mit psychischer Gesundheit.

Das Festival ‚Soy loco por ti Juquery‘ feierte bereits zum sechsten Mal die kreative Kraft der Patienten und die Kunstwerke, die im Rahmen der Psychiatrie entstanden waren. Es war ein kulturelles Ereignis, das Geschichte, Psychiatrie und Kunst miteinander verband. Die Vielfalt der Aktivitäten – von Kunstausstellungen über Theateraufführungen und Musik bis hin zu Workshops – war beeindruckend. Victor Fisch, der künstlerische Leiter des Festivals, trug massgeblich dazu bei, die Veranstaltung zu einem Ort des Austauschs und der Inspiration zu machen. Die Teilnahme von Rose und Isabelle, die über die transformative Wirkung der Kunst auf die Gesundheit und die Erfahrungen des Living Museums sprachen, war von zentraler Bedeutung. Unsere Präsenz symbolisierte die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Living Museum und den Bestrebungen, das historische Kunstatelier von Juquery neu zu beleben. Es war mir eine grosse Ehre, die Vorträge während des Seminars zu übersetzen und so zur erfolgreichen Kommunikation unserer Botschaft beizutragen.

Juliane and Rose Juquery

Eine besondere Entdeckung für mich war die Geschichte meiner Grossmutter, die als Kunstlehrerin in Juquery gearbeitet hatte. Diese emotionale Verbindung wurde mir während unserer Besuche im Museum Osório César bewusst. Ich spürte die tiefe Verbundenheit meiner Familiengeschichte mit der Kunst und ihrer Rolle in Brasilien. Besonders inspirierend war die Begegnung mit der Museologin Michelle Louise Guimarães, die uns durch das Museum führte und uns die beeindruckende Sammlung von über 8.000 Kunstwerken zeigte. Diese Werke, geschaffen von psychisch kranken Patienten, sind ein Beweis für die heilende Kraft der Kunst und den visionären Ansatz von Osório César und Nise da Silveira. Wir hatten auch die Gelegenheit, mit Elielton, dem Sammlungsleiter des Museums, und Flavia Mielnik, Künstlerin, Pädagogin und Forscherin, zu sprechen. Beide setzen sich leidenschaftlich für die Wiederbelebung des Ateliers in Juquery ein.

Ein weiteres Highlight war das Treffen mit der Künstlerin Maria Bonomi, einer ehemaligen Schülerin meines Grossvaters, des Kunsthistorikers Wolfgang Pfeiffer. Bonomi, bekannt für ihre Arbeiten in der Druckgrafik und ihren sozialen sowie politischen Einfluss, reflektiert in ihrem Essay ‚Artista delirante, delirante artista‘ über die Verbindung zwischen Kunst und Wahnsinn. Der Besuch ihres Ateliers und das Gespräch über Kunst und Therapie zeigten mir, wie tief die Kunst in meiner Familie verwurzelt ist und wie sie Generationen verbindet.

Ein aufregendes Erlebnis war die Installation eines Kunstwerks von Sten & Oli, einem Street-Artist des Living Museums. Mit Unterstützung des brasilianischen Street-Art-Künstlers Enivo konnten wir das Kunstwerk an der Avenida 23 de Maio, einer der belebtesten Straßen São Paulos, anbringen. Enivo, dessen Werke soziale Ungleichheit und die Lebensrealität der Stadt einfangen, begleitete uns auf eine inspirierende Graffiti-Tour und erzählte bewegende Geschichten über die Kraft der Kunst in den ärmsten Vierteln. Das Paste-up von Sten & Oli wurde so zu einem Symbol der Zusammenarbeit und des kulturellen Austauschs zwischen Brasilien und der Schweiz.

Die Reise führte mich auch zurück zu Petalusa, einem Kunst- und Therapiezentrum, das ich 2014 in São Paulo gegründet habe und das heute von meiner Freundin Miyuki Yamamoto weitergeführt wird. Petalusa, heute Espaço Travessia, ist ein geschützter und kreativer Ort, der meine Werte und mein Menschenbild widerspiegelt. Hier dient Kunst als Weg zur Transformation und Selbstkenntnis. Die Gelegenheit, diesen besonderen Ort Rose und Isabelle zu zeigen, war für mich ein Moment tief empfundener Freude und Sinnhaftigkeit.

Diese Reise war ein unvergleichliches Geschenk voller Synchronizitäten. Sie eröffnete mir neue Perspektiven, vertiefte meine Verbindung zur Kunst und stärkte mein Engagement, Kunst als transformative Kraft für psychische Gesundheit zu fördern. Es war erfüllend, meine Heimat und ihre kulturellen Schätze zu teilen und die Geschichte der Kunsttherapie in Brasilien zu vertiefen. Eine Patientin im Living Museum fragte mich, wie ich meinen Umzug in die Schweiz erlebt habe. Ich antwortete, dass ich mich von Anfang an wohlgefühlt habe – doch jetzt weiss ich, warum ich hier bin.

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